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Von Manta bis Mokka: Die Opel-Designer George Gallion und Friedhelm Engler sprechen über ihre großen Würfe.

 „Das ist sie – die Essenz von Opel“Ein Herbsttag im Jägerhof in Rüsselsheim. Einem Ort, der Opel-Geschichte atmet. Opel-Designer treffen sich hier. Seit Jahrzehnten. 1963 hat Erhard Schnell in dem Restaurant die erste Skizze des Opel GT auf eine Serviette gezeichnet. Heute ist im Garten ein kleiner Kreis Opel-Liebhaber zusammengekommen, um eine weitere Opel-Legende zu würdigen: der Manta wird 50.

Der Vater des kultigen Sportcoupés, George Gallion, ist da. Ebenso ein damaliger Modelleur, die Kollegen der Classic Werkstatt, Mitglieder des Manta-Fanclubs aus Stuttgart und aus dem Westerwald. Bei so viel Expertise ist natürlich auch der neue Mokka Thema, die Weltpremiere steht kurz bevor. Der Opel-Chefdesigner Friedhelm Engler hat Skizzen und Fotos des neuen SUV dabei. Neugierige Blicke. George Gallion nimmt ein Foto, studiert es. Und lächelt.   

GEORGE GALLION: Da steckt Manta drin! Die Manta-DNA übertragen in eine neue Front. Wie nennt ihr es – Vizor? Der Mokka hat wie damals der Manta den gleichen Gesichtsausdruck: Schlicht, aber stolz.

FRIEDHELM ENGLER: Bold and Pure, also mutig und klar – so beschreiben wir die neue Opel-Designsprache…

GALLION: … das wusste ich nicht. Aber sehen kann ich es! Perfekte Proportionen, klare Linien und das kräftige Heck – habt ihr gut hingekriegt. Und da (Gallion deutet auf die Dachlinie) – ADAM lässt grüßen.

Herr Engler, das Urteil von George Gallion ist eindeutig: Der Manta stand Pate für den neuen Mokka. Wie kam es dazu?
ENGLER: In der Konzeptphase für den GT X Experimental haben wir einen intensiven Prozess gestartet, das eigene Unternehmen und die eigenen Werte grundlegend zu reflektieren. Dabei haben wir die Opel-Front neu gezeichnet. Wir hatten bereits eine klare Vorstellung, eine Vision. Den Opel-Blitz, Grill und Scheinwerfer hatten wir zu einem markanten Designelement zusammengezogen. Bei einem Inspirationsbesuch in der Classic Werkstatt sagte einer unserer jungen Designer: ‚Schaut mal da, der Manta. Die DNA unseres Entwurfs.‘ Der Manta-Frontgrill, eingerahmt von einer schlanken Chromspange, die Doppelscheinwerfer vor schwarzem Hintergrund. Da hatten wir die Bestätigung für unseren Entwurf: Diese cleane Front – das ist Opel!

War damals schon klar, dass daraus der Mokka werden könnte?
ENGLER: Nein, wir haben mit dem GT X Experimental eine Konzeptstudie erarbeitet, die die Opel-Werte verkörpert und zeigen sollte, wo unsere Reise in Zukunft hingeht. Mutige Proportionen, Reduktion auf das Wesentliche. Es war Michael Lohscheller höchstpersönlich, der nach einer Präsentation des GT X Experimental auf uns zukam und fragte: ‚Könnte so nicht der nächste Mokka aussehen?‘ Wir waren natürlich sofort Feuer und Flamme. Und ich freue mich, wenn Menschen im Mokka den Manta als Zitatgeber erkennen. Aber Opel war noch nie Retro. Wir machen kein Retro-Design. Das ist ein absolutes No-Go.

GALLION: Absolut. Wenn Designer von ihrer Arbeit träumen, träumen wir die Zukunft. Die Vergangenheit gibt nur Anhaltspunkte. Das war schon in den 60er-Jahren unsere Philosophie.

Herr Gallion, Sie haben den Manta im Sommer 1969 entworfen. Dem Sommer, in dem der erste Mensch den Mond betritt, Hunderttausende in Woodstock den „Summer of Love“ feiern…
GALLION: (lacht) Und ich hatte einen „Summer of Work“. Mein damaliger Chef Chuck Jordan hatte mir den Auftrag gegeben, einen Konkurrenten für den Ford Capri zu entwickeln. Chuck fuhr in den Urlaub mit den Worten: ‚Wenn ich zurückkomme, muss er fertig sein.‘ Wir hatten sechs Wochen. Aber natürlich hat der Zeitgeist unsere Arbeit geprägt. Es war eine progressive Zeit – wir waren auf der Suche nach neuen Formen. In diesem Sommer haben wir alte Zöpfe des Autodesigns abgeschnitten.

ENGLER: Nur sechs Wochen – das ist knackig.

GALLION: Ja, das war es. Jeden Morgen Punkt 8 Uhr ging es los. Aber es war auch magisch. Wir hatten bei Opel damals die erste Designabteilung in Europa. Die besten Leute waren dort versammelt. Das Design des Hecks stand weitestgehend, wir konnten uns auf die Front konzentrieren. Wir hatten keine Zeit, eigene Blinkereinheiten oder Scheinwerfer zu entwickeln. Also schauten wir uns um und nahmen die Scheinwerfer aus dem Olympia, der gerade ausgemustert worden war. Aber wir haben es hinbekommen: Ein begehrenswertes Auto, das so günstig war, dass es sich viele Menschen leisten konnten.

ENGLER: Das ist eine Konstanz, die Opel ausmacht: Seit jeher haben wir den Anspruch, tolle Autos für alle verfügbar zu machen.

„In diesem Sommer haben wir alte Zöpfe
des Autodesigns abgeschnitten.“

Herr Gallion, eine schöne Abwechslung hat Ihnen der Sommer aber dennoch beschert – einen Ausflug nach Paris. 
GALLION: Oh, ja. Wir wollten das neue Auto Manta nennen und die Form des Fischs als Emblem benutzen. Aber niemand konnte uns sagen, wie dieser Rochen überhaupt aussieht. Bis auf Jacques Cousteau, der legendäre Meeresforscher. Also bin ich zu ihm nach Paris geflogen, um seine Unterwasseraufnahmen zu sichten. In der französischen Hauptstadt hat der Opel Manta endgültig seine Identität gefunden und bekam ein verchromtes Emblem an die vorderen Kotflügel geschraubt. Aber ehrlich: bis dahin war es der anstrengendste, arbeitsreichste Sommer meines Lebens.

ENGLER: (augenzwinkernd) Ach George, du weißt doch: Wir Designer, wir machen doch nur ein paar Skizzen…

GALLION: (grinst) Ja, ja, das gute, alte Klischee. Der Designer sitzt sein Leben lang im Café und malt mit Stift und Papier vor sich hin. Das verrate ich nur dir: Als ich vor ein paar Tagen für das Manta-Treffen in Timmendorfer Strand eine Zeichnung anfertigen wollte, musste ich mir erst neue Stifte kaufen – meine Alten waren eingetrocknet.

Herr Engler, Herr Gallion, sie haben neben Manta und Mokka viele wegweisende Fahrzeugdesigns verantwortet. Merkt man irgendwann im Laufe des Prozesses: Das wird ein besonderes Auto? 
GALLION: Ich für meinen Teil finde das schwierig. Die Rolling Stones sind ja auch nicht im Studio und beschließen: Das ist jetzt ein Hit! Das entscheiden die Menschen draußen. Dass zum Beispiel der Manta so erfolgreich wurde, hat auch viel mit Zufall zu tun: Es war das richtige Auto zur richtigen Zeit.

„Wir fühlten während der Arbeit am Mokka eine
Leichtigkeit, alles fügte sich harmonisch.“

ENGLER: George, der Manta ein Zufall? Aber so bescheiden kenne ich dich. Bei einem hast du Recht: Es geht nicht darum, ein schönes Auto zu designen. Man muss ein begehrenswertes Auto schaffen, das in die Zeit passt. Die Wochen und Monate, die wir am neuen Mokka gearbeitet haben, waren Besondere. Wir überführten die Konzeptstudie in ein Serienfahrzeug. Wir fühlten während der Arbeit eine Leichtigkeit, alles fügte sich harmonisch. Es fühlte sich richtig an.

GALLION: Das kann ich verstehen – der Mokka ist ohnehin mein Lieblingsmodell. Ich fahre gerade meinen Dritten. Der neue Mokka wird Nummer 4. Und ich habe beschlossen: Es wird mein erstes elektrifiziertes Auto. Die Zeit ist reif. Seit ich vor ein paar Jahren den Opel Ampera gefahren habe, will ich diese Beschleunigung wieder erleben – unglaublich. Ich nenne es noch heute meinen „Star wars“-Moment.

ENGLER: Sag Bescheid, wenn dein Mokka-e da ist. Die Ausfahrt will ich mir nicht entgehen lassen. 

GALLION: Deal – aber ich fahre!   

 

George Gallion, Jahrgang 1937, gebürtiger US-Amerikaner, begann nach dem Industriedesignstudium in Atlanta/Georgia (USA) bei GM in Detroit. 1969 wechselte er zu Opel, wurde stellvertretender Design-Direktor. Von Manta A über Monza bis hin zu seinen letzten Projekten Signum und Movano tragen viele Opel seine Handschrift. So hat er zum Beispiel mit dem Corsa den Einstieg des Unternehmens in das Segment der Kleinwagen geprägt. 2002 ging er in den Ruhestand. Er lebt mit seiner Frau im Taunus

Friedhelm Engler, Jahrgang 1963, ist als Director Design Execution für die Ausarbeitung aller Fahrzeuge, Exterior und Interior, von Opel verantwortlich. Nach dem Designstudium an der Hochschule Pforzheim ging er für drei Jahre als Produktdesigner nach Tokio. Bei Opel begann er 1992 als Transportation Designer, war später Chefdesigner des Meriva A und des Astra H. Von 2007 bis 2010 leitete er die PATAC-Designabteilung für alle GM-Marken in Shanghai, China. Seit 2010 ist er zurück in Rüsselsheim. Heute begleitet er alle Serienfahrzeuge bis zum Produktionsanlauf. 

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